September

Wohoo, ein neuer Blogeintrag! Und diesmal nicht von Anna, sondern von mir, Julia. Mich vorstellen sollte ich hoffentlich so langsam draufhaben, wenn ich daran denke, wie oft ich das in den letzten Monaten getan habe.

Deshalb: Wie gesagt heiße ich Julia, bin seit Anfang November 18 Jahre alt und komme aus Ludwigsburg, das liegt nördlich in der Nähe von Stuttgart. Zur Enttäuschung von dem ein oder anderen schwäbel ich aber leider nicht, weshalb man mir auf den ersten Blick zu Beginn nicht anmerkte, dass ich von uns drei FÖJlern den weitesten Weg hier her hatte. Bis man mich auf Franzbrötchen, Tatortreiniger oder Werner angesprochen hat… Aber diese enormen Kulturlücken sind mittlerweile gewissenhaft geschlossen worden. Auf die Idee nach der Schule ein FÖJ zu machen kam ich schon vor ein paar Jahren, weil die Schwester einer Freundin das auch in Schleswig-Holstein gemacht hat und ich fand, dass die ganze Arbeit in der Natur echt super spannend klang. Ich hab mich also informiert, bin dabei irgendwie auf die Doku vom NDR gestolpert, in der auch die Einsatzstelle hier auf der Birk vorgestellt wird. Ich war ganz begeistert, als ich die Einsatzstelle unter den vielen gefunden habe, die vom Träger Koppelsberg gestellt werden. Und als ich dann endlich im April die Zusage bekommen habe, war meine Freude und Erleichterung darüber wirklich unbeschreiblich.

Aber genug zu mir, es soll hier ja eigentlich um den September gehen. Am besten fange ganz chronologisch der Reihe nach mit den noch relativ ruhigen ersten Septembertagen an. Ihr werdet beim Lesen feststellen, dass sich mit der Zeit ein gewisser Hauch von Chaos unter die Tage mischen wird, der irgendwie scheinbar unaufhaltsam immer weiter und weiter ansteigen wird. Wir machen also einen kleinen Zeitsprung zurück. Am Anfang des Monats wartete eine kleine Überraschung auf uns: Nils Lämmer von denen Johanna im Juni-Eintrag berichtet hatte, sind mittlerweile nicht mehr ganz so klein und kommen auch ohne Mama zurecht. Deshalb sind sie umgezogen, aber nicht irgendwo hin, sondern zu uns. Also fast. Sie stehen jetzt auf einer Wiese 5 Minuten von der Station und unserer WG entfernt und sind wirklich goldig. Am Anfang waren sie noch ziemlich schreckhaft und schüchtern, aber mittlerweile laufen sie ganz aufgeregt auf einen zu und machen Luftsprünge, wenn man mit ihnen über die Wiese rennt. Wahrscheinlich werden wir das in ein paar Wochen, wenn sie wirklich ausgewachsen und „so groß wie Thomas' Tisch sind" (Zitat Nils) nicht mehr ganz so süß finden, aber bis dahin ist ja noch etwas Zeit, um ihnen versuchen Manieren bei zu bringen. Sonst begann der September ähnlich wie der August endete: ganz viel mähen und abtragen. Dabei fuhren wir in die unterschiedlichsten Gebiete. Wir waren im Os, beim Winderatter See und Saatrupholmer Moor. Das Os erwies sich ala eher unbeliebt, weil es dort sehr moorig und schwül war. Die anderen waren dort auch für mehrere Tage beschäftigt, aber, weil ich die Tage Besuch von meiner Schwester und Freundin aus Ludwigsburg hatte kam ich mit nur zwei Tagen im Os echt gut davon. Kaum ist das eine Gebiet abgearbeitet, geht es mit dem nächsten gleich weiter. Beim Winderatter See mussten wir eine Ecke mit den Freischneidern freimähen, weil dort überall Stuppen waren über die man mit dem Mulcher nicht rüber kommt. Anna und ich schnappten uns also die Freischneider, während Kiwi mit dem Brielmeier die bereits gemähte Fläche bearbeitete und Steffi und Tommi die Mahdgut aufsammelten. Nur leider war es an dem Tag so unfassbar heiß, dass die Arbeit mit dem Freischneider einfach nur anstrengend war. Zu Mittag flüchteten wir in den Schatten des Stationsbusses und danach verließen Kiwi und Tommi uns auch schon wieder. Nachdem Steffi verzweifelt feststellen musste, dass Anna und ich mit dem Freischneiden nicht so gut vorankamen wie er dachte (Anna meinte wir hätten die hälfte, ich bin aber immer noch überzeugt davon, dass es höchstens ¼ war, den wir bis dahin geschafft hatten), luden auch wir nur noch eine Bahn auf und fuhren zurück zur Station. Es war ja sowieso Freitag. Auf den folgenden Montag waren wir alle sehr gespannt. Es ging nämlich zur Dezernatsfortbildung zum archäologischen Landesamt! Wir fuhren alle zusammen mit dem Stationsbus nach Schleswig, wobei Tommi die Fahrt über ganz aufgedreht war und uns aus der letzten Sitzreihe seine Verzweiflung gegenüber unserem nächsten Arbeitsauftrag auf der Möweninsel deutlich zu machen versuchte. In Schleswig angekommen, trafen wir die Mitarbeiter der anderen integrierten Stationen aus Schleswig-Holstein und bekamen eine Führung durch die verschiedenen Büros. Die Begeisterung für archäologische Arbeit schwappte nicht auf alle rüber und anschließend durften wir Üwis philosophischem, teils emotionalen, gleichzeitig sehr unterhaltsamen Monolog über den Nutzen oder Nichtnutzen von archäologischer Arbeit lauschen. Danach bekamen wir noch eine Führung auf einer Ausgrabungsstelle eines alten Wikingerdorfs, die wirklich spannend war. An dem Tag war es aber schon wieder so heiß, dass wir alle ziemlich fertig waren und sich gut die Hälfte der Dezernatsmitglieder danach von uns verabschiedete. Der Rest fuhr noch zu einem NSG an der Schlei, in dem uns Nils noch eine kleine Führung gab. Üwi, Tommi, Anna, Lilli und ich waren eigentlich auch schon ziemlich platt, sodass als nach einer kleinen Pause im Schatten die anderen weiterzogen, niemand von uns Anstalten machte aufzustehen. So blieben wir fünf schließlich einfach im Gras sitzen und genossen den Ausblick auf Schlickwiesen und Vögel. Die folgenden Tage waren wir weiter am Winderatter See beschäftigt. Mit Tommis Unterstützung schafften Lilli und ich es die restliche Fläche freizumähen und dann mussten wir „nur noch“ alles fertig aufsammeln. Besonders gerne denke ich an eine Mittagspause am Winderatter See zurück, in der wir alle im Bus saßen und der Regen gegen die Scheiben tropfte. Wir hatten Musik angemacht, Anna, Lilli und ich hatten Milchreis vom Vortag dabei und schlürften Stationskaffee. Neben uns hatte ein einzelner Busch schon angefangen orangefarbene Blätter zu tragen und wenn man nur auf ihn schaute, konnte man für einen Moment lang so tun, als wäre der Herbst endlich richtig eingetroffen. Damit die Arbeit in den nächsten Jahren auch ohne tagelanges freischneiden stattfinden kann, nahmen wir uns vor die ganzen Stuppen zu beseitigen. Dazu rückten wir am nächsten Tag mit Schaufeln, Spaten, Kettensägen, alles, was wir eben so in unserer Werkhalle in Gammeldamm hatten an und traten den Kampf gegen die Stuppen an. Tommi war mal wieder voller überschwänglichem Tatendrang und kaum zu stoppen, der Kettensägenmotor war den ganzen Tag lang zu hören. Weil wir drei leider noch keinen Motorsägenschein hatten, mühten Lilli und ich uns mit dem Spaten ab. Irgendwann ließen wir uns neben Üwi auf den Boden plumpsen und schauten Tommi bei seinem Kampf gegen Weiden zu. Der war mittlerweile im Sägewahn, unsere Rufe (Da hinten müssen wir gar nicht mehr! Hier bei uns ist doch noch so viel!) hörte er gar nicht mehr und kehrte erst zurück als sich die Kette von seiner Säge gelöst hatte. Zurück in Falshöft stand dann noch etwas an, worauf wir uns schon ewig gefreut hatten: Eine Probefahrt mit dem Stationsboot! Schwubs waren wir im Wasser und schon es ging los. Und es war wirklich einfach herrlich! Vor uns Dänemark, hinter uns der Leuchtturm Falshöft düsten wir übers Wasser mit rauem Wind und dem salzigen Geruch der Ostsee. Der Wind hier oben gehört für mich wirklich zu einem der schönsten Dinge. Es gibt kaum etwas, das sich befreiender anfühlt, als kalter Wind, der einem um die Ohren pustet, so stark, dass man die Augen schließen muss und die Luft einem beim Einatmen fast schon in die Lunge zu fließen scheint. Man munkelt, wir hätten auf der Fahrt auch ein Haubenhuhn gesichtet. Die nächste Woche verbrachten wir auf Grund vom wirklich schlechtem Wetter zum Großteil in Gammeldamm und stellten uns den Konsequenzen von Tommis Sägewahn. Die Kettensägen waren wirklich dreckig und auch die Freischneider hatten die Strapazen der Mäharbeiten eher mäßig überstanden. Also verbrachten wir die Zeit damit sämtliches Werkzeug auseinander zu bauen, zu putzen, reparieren und neu zusammen zu setzen. Am Mittwoch fuhren Steffi, Lilli, Kiwi und ich doch noch einmal raus, um im Saatrupholmer Moor kleine Flächen an Mahdgut aufzusammeln. Wir waren aber schnell fertig und konnten nach dem Mittag schon wieder zurückfahren. Nur waren, Tommi, Üwi und Anna seltsamerweise nicht in Gammeldamm. Wir dachten uns aber nicht viel dabei und begannen den Kettendumper sauber zu machen. Plötzlich sahen wir Üwi und Tommi den Vorhof auffahren, den Anhänger vollgepackt mit Sperrmüll. Leider war der Platz durch den Kettendumper auf der einen und dem Pickup auf der anderen Seite eher begrenzt, Lilli war eigentlich schon in den Pickup gesprungen, doch Tommis Ungeduld war größer und was dann passierte bleibt besser unter uns. Während Steffi sich von dem Chaos nicht beirren ließ und sich weiterhin mit dem Dumper beschäftigte, verluden Tommi und Üwi einen Schrank aus dem Anhänger, Kiwi werkelte irgendwo im Hintergrund und Lilli und ich stellten uns an den Rand und betrachteten alles. Erst mit einem frisch gekochten Kaffee konnten alle wieder etwas beruhigt werden. Aber wie Steffi immer so schön sagt, erlebt man hier an einem Tag mehr als andere in einem Jahr und deshalb war der Tag damit noch nicht vorbei. Wir fuhren zur Station und räumten die restlichen Büromöbel aus dem ehemaligen NABU-Büro aus. In ein paar Wochen (oder Monaten?) werden da nämlich Ranger das Büro beziehen. Die wirklich sperrigen Möbel die enge Wendeltreppe herunterzutragen erschien uns viel zu umständlich und wir, lösungsorientiert wie wir sind, beschlossen kurzen Prozess zu machen und den deutlich kürzeren Weg zu nehmen. Welchen Weg genau lässt sich eventuell aus den Bildern herleiten. Erschrocken mussten wir während des Prozesses feststellen, dass der Wertstoffhof schon in einer halben Stunde schließen würde. Blitzschnell luden wir alle Überreste von Möbeln vom Boden vor der Station auf den Anhänger, sprangen in den Pickup und schafften es doch tatsächlich noch alles pünktlich zu entsorgen. Doppel-Daumen-Hoch! Zu den Aufgaben von uns Föjlern auf der Birk gehört ja so ziemlich alles, das mit praktischem Naturschutz und Landschaftspflegearbeiten zu tun hat. Man würde also eher nicht vermuten, dass Wände streichen darunter fällt. Und doch fand ich mich am nächsten Tag in wunderschönem Ganzkörperschutzanzug im leeren NABU-Büro wieder, um Tommi beim Streichen zu helfen. Sorgfältig klebten wir alle Fensterrahmen, Lampen und Fußleisten ab und jetzt weiß ich, dass man, um Risse perfekt zuzuspachteln, ein Schwämmchen verwendet. ;) Am nächsten Tag gesellten sich auch Kiwi und Anna zu uns und vielleicht lag es an dem hellen leeren Raum oder an dem strahlenden Sonnenlicht, das durch die Apfelbäume und Fenster in das Zimmer fiel oder an dem Streichprozess an sich oder an allem zusammen, aber ich glaube, wir hätten alle nicht erwartet, dass uns dieser Tag so entspannen würde. Und das Endergebnis konnte sich wirklich sehen lassen. Leider schafften wir es aber nicht mehr die perfekt weiße Wand als Leinwand für einen Tatortreinigerabend zu verwenden bevor die neuen Möbel geliefert kamen. Weil nun alle Flächen gemäht und abgetragen waren und auch das NABU-Büro ausgeräumt und frisch gestrichen war, konnten wir uns in der nächsten Woche endlich mit dem Wohnwagen auseinander setzen. Wohnwagen? Ja, richtig gelesen, den brauchen wir nämlich als eine Art Bauwagen auf dem schon erwähnten Projekt auf der Möweninsel. Und ich glaube an dieser Stelle muss ich etwas weiter ausführen. In der Schlei bei Schleswig befindet sich eine Insel, die Möweninsel, auf der sich seit 2007 aber gar keine Möwen mehr aufhalten. Naja, dafür befinden sich auf oder besser gesagt in ihr noch viele Überreste von Burgen, einer Schanze und anderen alten Bauwerken und sie ist deshalb von historischer Relevanz. Ursprünglich gehörte die Insel immer zum Zuständigkeitsbereich des archäologischen Landesamts, nun wurde sie aber an das Landesamt für Umwelt übergeben und damit an uns. Um die besagten historischen Überreste zu schützen, müssen wir nun also einerseits Buschkästen aus Faschinen (zu Bündeln gebundene Äste) und 1100(!) Pfähle vor die Abbruchkanten bauen als auch Fließ am Boden befestigen. Und damit wir einen Unterschlupf haben, dachten wir uns, dass wir den alten Wohnwagen, der seit Jahren in Gammeldamm vor sich hin vegetiert, versuchen könnten in Schwung zu kriegen. Aber, wie soll es auch anders sein, stellte auch das sich als eine größere Herausforderung aus als wir anfangs dachten. Denn der Wohnwagen musste erst von seinem eigentlichen Gestell mit Rädern abgeschraubt oder eher gewaltsam mit Nageleisen herausgebrochen werden, wofür wir insgesamt betrachtet fast einen ganzen Tag unterm Wohnwagen liegend gebraucht haben. Irgendwann war das endlich geschafft, jetzt musste er ja nur noch auf unsere selbst gebaute neue Holzunterlage befestigt werden. Blöd nur, dass er jetzt unten durch die dünne Plastikschicht gar nicht mehr die nötige Stabilität mehr hatte, um einfach angehoben und getragen zu werden. Ich muss gestehen, ich sah den Wohnwagen schon als zusammengedrückte Blechdose vor mir. Nach zahlreichen Anläufen und verzweifelten Momenten, in denen wir alle einfach um den Wohnwagen herumstanden und ihn anstarrten, schafften wir es schlussendlich ihn mit der Forke des Treckers anzuheben und auf das neue Gestell zu setzen. Und so konnten wir die letzten Septembertage entspannt mit Wohnwagen an das neue Gestell befestigen und putzen ausklingen lassen. Ach nein, dann kam auf einmal noch die Lieferung mit dem gesamten Material für die Möweninsel und da hat man ihn einmal kurz aus den Augen gelassen, da stand Tommi auf einmal mit Freischneider auf dem Knick vor Gammeldamm und mähte alles nieder. („Damit die Pfähle nicht einwachsen.“) Also mal schauen wie lange uns die Möweninsel noch verfolgen wird. Und dann war der September auf einmal auch schon vorbei. Mittlerweile ist schon November (ja, ich bin etwas spät dran) und ich blicke echt gerne auf den September zurück, denn so chaotisch wie er war, war er auch einfach zu schön. Aber bevor ich wieder anfange mich in Erinnerungen zu verlieren, komme ich langsam mal zum Schluss und gebe Bühne frei für weitere wahnsinnig tolle Monate.

Bis bald! :)